Radikal liberal

Am 3. und 5. April führte der Oberstufenkurs Theater (S4) unter der Leitung von Frau Roßocha Radikal liberal, eine Adaption des Filmes “The last supper” von Stacy Title.

Plakat Neu Thomas Zgirski

Eine WG hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit radikaler Position zum Abendessen und zur Diskussion einzuladen, um gemeinsam darüber zu entscheiden, ob es der Menschheit nicht besser ginge,  wenn es diesen Menschen nicht geben würde. Dafür haben sie sich eine Lösung überlegt. Die Polizei nennt das Mord und hat zunehmend immer mehr Fragen an die Bewohner.

Die Zuschauer konnten sich auf etwas gefasst machen: Ob das Stück nun einfach nur lustig oder politisch, vielleicht auch philosophisch ist, konnte jeder am Ende selbst entscheiden…
Und um das Treffen der richtigen Entscheidung und die Frage nach Schuld und Pflicht, ging es in vielen Fällen.

(I. Roßocha)

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Jenseits von Populismus

Eine Rezension von Benjamin Hufnagel

Wo verläuft sie eigentlich, die Grenze zwischen gefährlichem Populismus und nötigem Kampf um die eigenen Ideale? Wer darf zum Wohle der Gemeinschaft Entscheidungen treffen und wessen Meinung muss gehört werden? Fragen, die ob der jüngsten politischen Ereignisse wohl so brisant sind, wie nie. Der Theaterkurs des Gymnasiums Alstertal hat sich dieser Problematik gewidmet und unter der Leitung von Ina Roßocha im Stück „Radikal liberal! An alle, die von Freiheit träumen“ gezeigt, wie schnell vormals klare Positionen sich verkehren können.

Die Inszenierung selbst basiert in ihrer Entstehung auf dem Film „The Last Supper“ von Stacy Title aus dem Jahr 1995. I. Roßocha und ihrem Kurs ist es gelungen eine würdige Adaption zu schaffen. Durch Umarbeitung und Bereicherung um Schlüsselszenen erhält der Stoff völlig neue Brisanz. Aus dem etwas abstrakten Film wird so eine treffende Problemerfassung der heutigen Zeit. Transportiert wird dies über die Handlung des Stücks. Der Zuschauer begleitet hierbei eine Wohngemeinschaft junger Studenten. Aus Frust über die Welt und die eigene Untätigkeit beschließt die WG, nach einem eher zufälligen Mord an einem Rechtsradikalen, von nun an einmal die Woche Menschen mit radikalen Positionen zum Essen einzuladen und in der Folge über deren Schicksal zu entscheiden. Gestützt werden diese Pläne durch verschiedene Gedankenexperimente. So etwa die Frage, ob man den jungen Adolf Hitler nicht töten müsse, wenn man durch eine Zeitreise die Gelegenheit bekäme, auch wenn dieser zu dem Zeitpunkt noch unschuldig wäre. Ergänzt um philosophische Überlegungen entsteht so der Versuch, zukünftiges Leid unter möglichst geringen Verlusten zu verhindern.
Auf ihrer anschließenden Mission für die bessere Welt kommt letztlich kein WG-Bewohner ohne Sinneswandel davon. Anfängliche Zögerer werden durch den Rausch der Macht korrumpiert und verlieren die eigene Position in der Fremde der unbegrenzten Möglichkeiten. Die eigentlichen Initiatoren beginnen jedoch im Laufe der Zeit die gravierenden Fehler im eigenen Plan zu erkennen. Angeheizt durch die Umgebung der WG verliert die Aktion so letztendlich jegliche Bindung zu ihren Anfängen.

Durch die Polizei, die in der Region ein vermisstes Mädchen sucht und der WG so unweigerlich auf die Spur kommt, wird der Verfolgungswahn immer weiter getrieben. Gleichzeitig sorgt ein populistischer Politiker immer wieder für neue Motivation und auch alte Weggefährten, wie ehemalige Freunde, Nachbarinnen und Professoren können diese wilde Hatz nicht stoppen. Es ist somit alles angelegt für das dramatische Finale – das letzte Abendmahl.

Die Inszenierung besticht vor allem durch die Bindung zum Publikum. Durch verschiedene Effekte wird jeder Zuschauer Teil der Inszenierung. So werden jedem Zuschauer vor dem Eintritt einige Fragen gestellt und anhand dieser Ergebnisse, wie dann auch später im Stück, wird symbolisch über sein Schicksal entschieden. Der wohl entscheidende Faktor für die unmittelbare Nähe von Publikum und Schauspielern ist jedoch das außergewöhnliche Bühnenbild. Die Tafel mit den Abendgesellschaften, die das Herzstück der Inszenierung bildet, ist direkt im eigentlichen Zuschauerraum installiert. Wie in einer Arena sitzen die Zuschauer um die Tafel herum. Zum Greifen nahe sind also diese Gespräche und Entscheidungen über Leben und Tod. Über Kameras-Projektionen werden auch die Schauspieler_innen sichtbar, die mit dem Rücken zum Publikum agieren. Durch die räumliche Trennung anderer Szenen und reduziertes Bühnenbild in Kombination mit präzisen Kostümen und einzelnen Filmaufnahmen, wird dem Zuschauer jede Orientierungshilfe geboten.

Und trotz der unmittelbaren Nähe zum Geschehen, ist der Zuschauer zur Untätigkeit verdammt. So fühlt er sich in der Spirale gefangen und es entgleitet ihm förmlich die Möglichkeit, den nächsten Schritt abzusehen, während die WG sich immer weiter an Macht bereichert. Zur Passivität verdammt entsteht ein schauriges Gefühl der Ohnmacht im Zuschauerraum, wenngleich die Verantwortung für immer weitere Todesfälle erstaunlich bewusst bleibt. Es ist diese bemerkenswerte Balance aus Passivität, aber nicht Verantwortungslosigkeit, die durch dieses bewusst gewagte Bühnenbild glänzend auf die Zuschauer überspringt.

Die Inszenierung besticht jedoch durch die beeindruckend überzeugenden Schauspieler. So gelingt es den Akteuren, wohlverdiente Pausen zu schaffen und mit Humor und Ruhe die Aufmerksamkeit des Publikums wach zu halten. Die Grundstruktur bleibt somit erhalten, jedoch wird gewährleistet, dass auch jeder im Publikum bis zum großen Finale vollständig aufnahmebereit ist. Theoretische Ansätze und Grundlagen lassen sich auch ohne Philosophiestudium nachvollziehen, da sie von den Schauspielern präzise zusammengefasst werden. Anders als den Charakteren im Stück, ist dem Zuschauer so der unvoreingenommene Blick auf sämtliche Positionen gegeben und es wird ihm gewährt, sich zu jeder Zeit eine eigene Meinung zu den dargestellten Handlungen zu bilden. Er kann sich so im Dickicht der Weltvorstellungen sicherer bewegen als die Protagonisten.

„Radikal liberal“ gelingt es auf bemerkenswerte Weise, abstrakte Theorien und noch abstraktere Weltvorstellungen greifbar zu machen und die eigenen selbst zu hinterfragen. Durch die Benutzung von Umgangssprache und einem ebenso vertrauten Bühnenbild wird eine allzu durchschnittliche Welt aufgebaut. Gefüllt wird diese nun mit entschlossenen Extremisten und kruden Weltverbesserern. Dem Publikum wird somit bewusst, dass auch die dargestellte Gesellschaft letztlich eine ganz normale ist, wenngleich sie natürlich zur Verdeutlichung stark übertrieben gezeichnet wurde. An dieser Stelle setzt jedoch auch der Grundgedanke der Inszenierung an. Wer bei „Radikal liberal“ eine durchschnittliche Abendgesellschaft erwartet, wird vermutlich nicht voll auf seine Kosten kommen. Es ist ein Stück, das gesellschaftliche Probleme durch Überspitzung greifbar macht. Geschickt werden auf überzeugende Weise die sozialen Mechanismen innerhalb einer Gruppe gezeigt. Durch die Vermischung von Gruppendruck und Verfolgungswahn gepaart mit abstrakten Träumen verlieren sich die Protagonisten auf nachvollziehbare Art und Weise in ihrer eigenen Welt. Die wahrhaft brillante Darstellung gesellschaftlicher Probleme gelingt allerdings vollends durch das Aufzeigen der Probleme heutiger Zeit. Es wird erkennbar, wie schwach die Grenzen zwischen einzelnen Extrempositionen nur gezogen sind. Die Protagonisten entwickeln sich in einer Welt voller Extreme letzten Endes zu ihren eigenen Feindbildern. Aus Liberalen werden Populisten, letztlich sogar Verbrecher. Die anfänglichen Populisten gewinnen jedoch durch die erbarmungslose Jagd an Sympathien.
Die Botschaft hinter „Radikal liberal“ ist es jedoch keineswegs, radikale Populisten zu verharmlosen. Es soll auch nicht der Wunsch auf eine bessere Welt lächerlich gemacht oder gar dämonisiert werden. Die Inszenierung bleibt ein Appell an zwischenmenschliche Werte. Sie ruft dem Zuschauer ins Gedächtnis, dass diese zu keinem Zweck vernachlässigt werden dürfen, weil Hass und Zerstörung nicht die Lösung sein können. Durch das Scheitern der WG wird deutlich, dass diese Werte der Kompass in der Orientierungslosigkeit der Konzepte sind.

Dem Theaterkurs des Gymnasiums Alstertal ist eine Inszenierung gelungen, die auch jenseits ihrer politischen Botschaft überzeugt. „Radikal liberal“ ist ein hochdramatisches Stück, das dem Zuschauer seine volle Aufmerksamkeit abfordert. Das Stück wird so zu einer treffenden Darstellung der Probleme politisch extremer Zeiten. Es zeigt auf, welche Probleme im Kampf gegen Extremismus lauern. Eine Inszenierung, die aktueller nicht sein könnte und von wegweisendem Potential für junge politische Bürger ist.